Tag der Politikwissenschaft 2021

Tag der Politikwissenschaft 2021

„Ich bin raus aus der Politik. Gehen Sie rein!“

Der Festvortrag von Günther H. Oettinger hatte es in sich. Der frühere EU-Kommissar (2010–2019) und Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg (2005–2010) nahm bei der Analyse der gegenwärtigen politischen Lage unter dem Titel „Wirtschaft, Klima, Sicherheit – die Perspektiven für Europa und Deutschland während und nach der Pandemie“ beim Tag der Politikwissenschaft kein Blatt vor den Mund.

Die EU besteht aus 27 Zwergen

„In Europa gibt es zwei Sorten von Staaten. Zum einen sind da die Zwerge. Zum anderen sind da die Staaten, die wissen, dass sie Zwerge sind. Die Europäische Union besteht aus 27 Zwergen. Normalerweise stehen die im Vorgarten und Hunde pinkeln sie an“, mahnte der Schwabe zur Zusammenarbeit in Europa. Die kommenden Wahlen in Deutschland mit der Bundestagswahl in diesem September und die Präsidentschaftswahl in Frankreich im April des nächsten Jahres sieht Oettinger als richtungsweisend für die Europäische Union. „Ist Europa gestärkt oder steht Europa vor dem Aus?“

Stefanie Kessler erhält Dissertationspreis

Der Förderverein des Instituts für Politikwissenschaft an der FSU Jena hatte am Freitag, 11. Juni zum jährlichen Tag der PoWi 2021 eingeladen. Der Festakt, den die Teilnehmer*Innen aufgrund der Corona-Pandemie digital zelebrierten, widmete sich den aktuellen Studierenden, aber insbesondere den Absolvent*Innen und Alumni des PoWi-Instituts.

Der Förderverein zeichnete die zehn besten Bachelor-Abschlüsse und die sechs besten Master- und Staatsexamensarbeiten aus. Die Bachelor-Preisträger*Innen sind Anne Buhl, Marie-Luise Grauel, Anna-Lena Kroiß, Sebastian Lutsch, Alexandra Pappschek, Jonas Pohl, Laura Denisse Rubio Jaramillo, Marcel Schneuer, Kateryna Tkalia und Lea-Marie Weber. Die Preise für Master und Staatsexamen bekamen Immanuel Dobrowolski, Kevin Gimper, Julius Krämer, Özge Özdemir, Ulrich Schwägele und Philipp Tönjes.

Stefanie Kessler erhielt des Weiteren für ihre Dissertation zum Thema „Demokratielehre in Politikunterricht und Schule. Eine qualitativ rekonstruktive Studie zu Lehrorientierungen von Politiklehrern/innen“ bei Prof. Dr. Michael May den Dissertationspreis des PoWi-Instituts. Institutsdirektor apl. Prof. Dr. Torsten Oppelland führte kurzweilig durch die akademische Festveranstaltung und vergab gemeinsam mit der Förderverein-Vorsitzenden Carolin Weingart unter kollektivem Applaus für die Absolvent*Innen die Examenspreise.

Festvortrag von der Autobahnraststätte

„Das 21. Jahrhundert wird entweder von China oder Europa geprägt werden. Es geht hier um einen Wettbewerb der Werteordnungen“, prognostizierte der ehemalige CDU-Politiker Günther Oettinger weiter. Die Corona-Pandemie habe alle hart getroffen, vor allem den Einzelhandel und die Gastronomie. Gewinner seien die Digitalisierung, die großen IT-Konzerne des Silicon Valley – und China. Deutschland hingegen sei digital schwach, wirtschaftlich angeschlagen, gar „partiell ein Sanierungsfall“, ging Oettinger hart ins Gericht. Der ehemalige EU-Kommissar referierte sein Plädoyer – das digitale Format machte es möglich – aus dem Pkw auf einer Autobahnraststätte.

„Vergesst nie, wo ihr herkommt“

Die Alumni-Rede hielt in diesem Jahr Christiane Kilian. Die Projektleiterin bei der Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung Thüringen (STIFT) zeichnete ihren beruflichen Werdegang nach und sparte nicht mit wohlwollenden Anregungen für die Zukunft der frischen Absolvent*Innen. Es gelte, die zahlreichen im PoWi-Studium erworbenen Fähigkeiten wie Präsentieren, Überzeugen, Recherchieren sowie systematisches und analytisches Denken auch im Berufsleben einzusetzen. Kilian empfahl zudem, sich das soziale Netzwerk des PoWi-Studiums sowohl privat als auch beruflich zu erhalten. „Vergesst nie, die Welt infrage zu stellen und auch nicht, wo ihr herkommt“, so die Alumna.

Oftmals ist der Berufsweg nach dem Studium der Politikwissenschaft – wie im Falle Kilians zu sehen – nicht eindeutig vorgezeichnet. Günther Oettinger bot abschließend noch eine Idee für Profession und Ehrenamt: „Ich bin raus aus der Politik. Gehen Sie rein!“

Text: Leonard Fischer
(Studentischer Assistent am Arbeitsbereich Vergleichende Regierungslehre)

Foto: Institut für Politikwissenschaft
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