Die Vereinten Nationen und ihre Partnerorganisationen – Forschungskolloquium der AG Junge UN-Forschung

„Diese Charta schließt das Bestehen regionaler Abmachungen oder Einrichtungen zur Behandlung derjenigen die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit betreffenden Angelegenheiten nicht aus, bei denen Maßnahmen regionaler Art angebracht sind…“ – dieser bedeutsame Satz eröffnet das Kapitel VIII der UN-Charta, das sich in drei knappen Artikeln, darunter dem hier zitierten Art. 52, den „Regionalen Abmachungen“ widmet. Diese bilden in ihrer praktischen Umsetzung – etwa in Gestalt der NATO oder der Afrikanischen Union – einige der wichtigen Partnerorganisationen der UNO. Fast mag es daher überraschen, dass Kapitel VIII beim 8. UN-Forschungskolloquium der AG Junge UN-Forschung der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen (DGVN) zum Thema „Die Vereinten Nationen und ihre Partnerorganisationen“ kaum im Fokus stand.

Das Kolloquium wurde am 24. März mit Unterstützung des DGVN-Landesverbandes Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie der Friedrich-Schiller-Universität in Jena ausgerichtet. In der stilvoll-rustikalen Atmosphäre des historischen Hauses „Zur Rosen“, das an der Uni Jena als „Haus für den wissenschaftlichen Nachwuchs“ firmiert, begrüßte Wiebke Staff die rund 20 Anwesenden im Namen der AG Junge UN-Forschung und dankte gleichzeitig Frau Dr. Manuela Scheuermann (Professur für Internationale Organisationen und Globalisierung) für die Gastfreundschaft der Jenaer Universität.

Frau Dr. Scheuermann stellte das Programm vor und unterstrich, welch wichtigen Stellenwert die Kooperation zwischen Organisationen in der internationalen Politik einnimmt. Dabei werde häufiger auf Regionalorganisationen, weniger auf Nichtregierungsorganisationen (NGOs) geachtet. Die Politikwissenschaftlerin äußerte die Hoffnung, dass das Forschungskolloquium ein „interdisziplinäres Forum“ von Politikwissenschaftlern, Völkerrechtlern und anderen Fachangehörigen zu diesem wichtigen Thema bieten könne.

 

Mehr oder weniger formalisierte Partnerschaften

In ihrer anschließenden Key Note „Zusammen sind wir stärker! Die Vereinten Nationen und ihre Partnerorganisationen“ präsentierte Frau Dr. Scheuermann ein Kaleidoskop unterschiedlicher Denkanstöße zum Forschungsgegenstand der Internationalen Organisationen. Wichtig sei es, zunächst ein grundlegendes konzeptionelles Verständnis zu entwickeln, was eine „Organisation“ eigentlich ist, denn je nach Theorieschule oder Fachbereich werde dies mitunter sehr unterschiedlich definiert. Zudem wies sie darauf hin, dass Interaktionen zwischen Organisationen mehr oder weniger formalisiert sein können; im UN-Umfeld etwa träfe man häufig auf informelle Netzwerke zwischen Organisationen. Politikwissenschaftler fragten dabei eher nach den Entstehungszusammenhängen und Erklärungsmustern – nach dem „Warum“ der Kooperation sowie den Konsequenzen – als nach der Formalisierung, die im Völkerrecht eher von Interesse sei, so Dr. Scheuermann weiter.

In jedem Fall seien jedoch die Bestrebungen zur Zusammenarbeit heute wichtiger denn je, was auch die Relevanz dieses im Kolloquium gewählten Forschungsthema begründe: Nicht nur intergouvernementale Zusammenarbeit, sondern auch Partnerschaften mit NGOs gewinnen an Bedeutung, weiß die IO-Expertin, wobei die UN häufig als Linchpin bzw. „Docking Station“ für andere Organisationen und Institutionen auftrete. Dabei beinhalte Zusammenarbeit durchaus bisweilen auch Rivalität oder Konfrontation.

Zu beobachten sei überdies, dass bereits seit Ende des Kalten Krieges einige Regionalorganisationen ihre Identität wandeln, hin zu einem durchaus weltpolitischen Anspruch (z.B. die NATO im Bereich der Sicherheitspolitik). Hierfür müssten diese die Zusammenarbeit mit den UN suchen. Doch auch die Weltorganisation habe Interesse an solchen – oftmals wenig formalisierten – Partnerschaften, denn die Zunahme der vernetzen, globalen Probleme (internationaler Terrorismus, Migrationsbewegungen, Klimawandel) bringe auch die UN an die Grenzen ihrer (alleinigen) Handlungsfähigkeit, erläutert Dr. Scheuermann; dafür seien Partner nötig, und zwar nicht nur die National- bzw. Mitgliedsstaaten.

 

Gegenseitiger Nutzen

Anschließend berichtete Dr. Scheuermann aus ihrer eigenen Forschungserfahrung zu den UN-EU-Beziehungen, die sie für den Zeitraum 2003 bis 2009 im Feld Friedenssicherung untersucht hatte. Sie zeigte dabei einen Aufriss möglicher Leitfragen zur Analyse derartiger Konstellationen: die Intensität und Qualität der Beziehung, die Rolle der Partner sowie fördernde oder hemmende Faktoren für eine harmonische Kooperation. Die Politikwissenschaftlerin betonte dabei die Bedeutung von Identität(en) der Organisationen. Sie warf abschließend die Fragen auf, inwiefern die UN die Regionalorganisationen „nutzten“, um die eigene Position im Bereich der Global Governance zu festigen bzw. diese gar – als eine Art Gegengewicht zur wiedererstarkten Rolle der Nationalstaaten – zu verteidigen. Doch auch die Nationalstaaten hätten ein Interesse an Partnerschaften mit den UN, insbesondere wenn es um Friedenssicherung in ehemaligen Kolonialgebieten geht und somit eine „Multilateralisierung“ der Problemlagen sehr willkommen sei. Als Beispiel nannte Frau Dr. Scheuermann Frankreich, das nicht mehr als „Gendarm in Afrika“ wahrgenommen werden wolle und darum die Einbindung der EU befürworte, die dann wiederum zur Unterstützung der UN-Aktivitäten vor Ort eingesetzt werde.

Diese Gedanken stießen auf viel Feedback aus dem Plenum und leiteten somit direkt über in eine angeregte Eröffnungsdiskussion, moderiert von Felix Würkert. Hierbei zeigte sich die Vielfalt der unter den Teilnehmern vertretenen Wissenschaftsdisziplinen: neben jungen Politikwissenschaftlern und Vertretern von Rechtswissenschaft bzw. Völkerrecht waren verschiedene Area Studies, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften sowie interessierte Gäste ohne wissenschaftlichen Bezug zur Thematik vertreten.

 

Panels und Diskussionen: Zwischen Theorie(-bildung) und Empirie

Im ersten Panel des Kolloquiums ging es um das Paper von Gunnar Hamann („Inter-organizational relations and identity: Towards a theory of exploring inter-organizational interaction“), vorgestellt von Matthias Kranke. Hierbei wurde die Relevanz der Theoriebildung in diesem Forschungsbereich unterstrichen. Auch stellte sich wieder – wie schon in Dr. Scheuermanns Key Note angeregt – die Frage nach der Rolle der Identität von Organisationen (als abhängige oder intervenierende Variable) bei der Erklärung von Harmonie oder Konfliktpotenzial zwischen Organisationen. Ein spannendes Thema in der Diskussion war die Frage nach dem kurzfristigen Wandel der organisationalen Identität, ihrer langfristigen Prägung sowie die Einwirkung der Mitglieder. Auch die potenzielle Fruchtbarkeit der Rollentheorie sowie bestehender Theorien zum Wandel der Identität von Nationalstaaten wurden hierbei diskutiert.

Von der Theoriebildung ging es mit dem zweiten Paper hin zu einem empirischen Beispiel: „Das Verhältnis zwischen den Vereinten Nationen und der Afrikanischen Union“, eingereicht von Sven Trautmann, wurde von Gunnar Hamann vorgestellt und kommentiert. Die Beziehungen der AU (bzw. ihrer Vorgängerorganisationen) zu den UN sollen dabei anhand einer Phasenbildung strukturiert und die zunehmende Institutionalisierung des Miteinanders herausstellt werden. Hierzu wurde in der Diskussion die Frage aufgeworfen, wie sich eine Beschreibung und Operationalisierung der Kooperationsformen erreichen ließe. Verbunden damit war die Anregung, die sehr breite historische Empirie (die immerhin mehr als 70 Jahre seit 1945 abdeckt) mittels eines theoretischen Rahmens besser fassbar zu machen.

 

Regeln und Begriffe im Fokus

Das dritte Panel ging stärker in die juristische Richtung: Hier wurde das Paper von Lena Zagst („Kooperationen zwischen den Vereinten Nationen und humanitären NGOs“) durch Vincent Widdig vorgestellt. Für die Kooperation aus rechtswissenschaftlicher Perspektive gebe es wenige Ansätze im Öffentlichen Recht, und das trotz vieler Jahre der Zusammenarbeit – Lena Zagst sprach von einer „Regelungslücke“. Am Beispiel von Kooperationen der humanitären nicht-staatlichen Akteuren etwa mit dem UNHCR oder Unicef arbeitet sie Befugnisse und Handlungsoptionen der Organisationen (sei es aus Gründungsstatuten oder der UN-Charta selbst) heraus. Daran schließt sich die Frage an, welche Rolle der Begriff der „internationalen öffentlichen Gewalt“ für das Legitimationsbedürfnis bei Kooperationen mit NGOs spielt. Neben den völkerrechtlichen Begrifflichkeiten wurde hier vor allem debattiert, inwiefern den nicht-staatlichen Partnern durch die Organisationen ein Modus der Zusammenarbeit „aufgezwungen“ werden könne, nicht zuletzt hinsichtlich ihrer (finanziellen) Abhängigkeit.

Nicht nur an dieser Panel-Diskussion, sondern auch an anderen Stellen der Veranstaltung wurde offensichtlich, wie unterschiedlich sich die Herangehensweise der verschiedenen Disziplinen teilweise gestaltet, insbesondere was grundlegende Begriffe betrifft. Dieser Umstand führte dazu, dass manche Diskussionen an diesem Tag eher „fachintern“ statt im gesamten Plenum geführt wurden.

Diese Problematik der Definitionen wurde auch in der Abschlussdiskussion noch einmal ausführlich erörtert. Gerade die Begriffe „Partner“ (bzw. „Partnerschaften“) sowie Symmetrie und Asymmetrie standen dabei im Fokus der Teilnehmer. Darüber hinaus wurde in der Abschlussrunde über die Rolle des Völkerrechts gesprochen: Ist es die Grundlage für die im Kolloquium betrachteten Beziehungen oder nur ein Teilaspekt ihrer Regelung? Es scheint, als ließen sich die unterschiedlichen Sichtweisen auf diese Themen gegenseitig fruchtbar machen – und das, wie es das Forschungskolloquium beabsichtigt, auch über Fächergrenzen hinweg.